, Cornelia Brühlmeier Grüter

Handbesen-Kurs

Andrea Lim, Aargauer Zeitung, 12. September 2025

Was für eine schöne Arbeit an diesem herbstlich-sonnigen Samstagmorgen Anfang September. Ein Dutzend Frauen steht am Rande der Feuchtwiese im Rottenschwiler Moos und zieht blaues Pfeifengras. Jeder Halm wird mit beiden Händen gepackt und sorgfältig aus der sogenannten Blattscheide herausgezogen, ohne die Wurzel auszureissen. Das pfeifende Geräusch lässt einen lächeln.

Obwohl fast alle Frauen bald Blasen an den Fingern haben, ist die ungewohnte Tätigkeit beinahe meditativ. Man kommt ins Gespräch und vergisst die Zeit, bis zwei Stunden um sind und der Packen gezogener Gräser dick genug für mehrere Handbesen. Denn darum sind die Frauen hier: Sie wollen von der Meisterschwanderin Margrit Linder lernen, wie man traditionelle Handbesen bindet.

Natürlich war das früher nicht ganz so meditativ. «Es war auch nicht so gesellig wie bei uns heute», erklärt Kursleiterin Linder, die das Handwerk von einer der letzten Handbesenbinderinnen im Berner Oberländischen Habkern erlernt hat. «Jeweils im Herbst mussten die Männer die Feuchtwiesen mähen, um Streu für den Stall zu produzieren. Sie hatten kein Geld für Stroh.» Die Frauen zogen dann die Halme und fertigten Handbesen für den Winter. «Früher hing über jedem Holzkochherd in der ländlichen Schweiz ein selbstgemachter Handbesen.»

Feuchtwiesen sind gut für
Klima, Pflanzen und Tiere

Damals waren Feuchtwiesen überall zu finden. Es sind ungedüngte Feuchtgebiete, die nur einmal im Jahr, imSpätsommer, gemäht und auch Ried, Pfeifengras- oder Streuwiesen genannt werden. Ihr wissenschaftlicher Name lautet Molinion, abgeleitet vom lateinischen Namen des Pfeifengrases: Molinia caerulea. «Sie sind das Reich des Moorbläulings, des Lungen-Enzians und der Nostalgie», beschreibt Botaniker Adrian Möhl im Buch «Im Besengebiet», das Linder diesen Sommer mit Flavia Brändle veröffentlicht hat.

Feuchtwiesen kann man wie Moore mit einer Art Schwamm aus Torfmoos vergleichen, bedeckt von seltenen Pflanzen und Tieren. Wenn der Boden durchnässt ist und wenig Sauerstoff enthält, werden abgestorbene Blätter und Wurzeln nicht vollständig abgebaut, sondern bilden ein Kissen aus Torf. Pronatura schreibt über Moore: «So werden sie zu richtigen Kohlenstoffspeichern, die gut sind für die Klimaregulierung. Sie machen zwar nur 3% der Landmasse aus, speichern aber ein Drittel des gebundenen Kohlenstoffs unseres Planeten, also mehr als die Wälder.»

Heute findet man im Flachland kaum noch Feuchtwiesen. Auch jene beim Flachsee wären vor 50 Jahren fast verschwunden. Doch Naturschützer schafften es, Bevölkerung und Bund zu überzeugen, das Naturschutzgebiet auszudehnen. So wurden auch die Altwasserarme der Reuss, darunter die Stille Reuss und das Rottenschwiler Moos, ins 42 Hektar grosse Schutzgebiet aufgenommen. Heute darf sie kaum jemand betreten. Für den Kurs erhielt Dokumentarfilmerin Linder eine Sondergenehmigung. «Damit das Gebiet nicht verwaldet, wird es heute noch einmal pro Jahr gemäht. Wir dürfen kurz vorher hinein, um unser Pfeifengras zu ziehen», freut sie sich.

Die Schweiz kennt zwei Bindetechniken

Linder bringt den Kursteilnehmerinnen die zwei in der Schweiz verwendeten Bindetechniken bei: den «Schmalbäse» aus Habkern und den Urner «Riedbäse». Beide sind einfach zu lernen. Den Kurs hat sie im Zusammenhang mit der Sonderausstellung «Im Besengebiet» des Schweizer Strohmuseums in Wohlen angeboten. Dort stellt sie mit Flavia Brändle noch bis am 1. März nicht nur Schweizer Handbesen aus, sondern zeigt auch, dass diese auf der ganzen Welt bekannt sind.

Der älteste erhaltene Handbesen stammt aus Ägypten und muss irgendwann zwischen 1500 und 1000 v.Chr. geflochten worden sein. Beinahe noch spannender ist aber jener Besen, der an der Seidenstrasse gefunden wurde und zwischen dem 6. und 8. Jahrhundert n.Chr. geflochten wurde. «Die Bindetechnik ist dieselbe wie beim Urner Handbesen», ist Margrit Linder begeistert.

Am Nachmittag tun den Kursteilnehmerinnen zwar die Händeweh. Sie sind aber höchst zufrieden. Viele wollen künftig beispielsweise die Terasse mit Handbesenfegen. Noch alltagstauglicher sind die Abwasch- und Gemüsebürsten, die Flavia Brändle in der alten Technik hergestellt hat und auch im Strohmuseum ausstellt. So könnte altes Wissen wieder im modernen Leben Platz finden und auch zum Umweltschutz beitragen.

Mehr Infos zur Sonderausstellung und zum neuen Buch gibts unter www.schweizer-strohmuseum.ch/sonderausstellung.