, Cornelia Brühlmeier Grüter

Zeitungsbericht über Brigitte Kilchmann

Früher für Sensler Familien eine Einnahmequelle – heute auf dem Laufsteg Paris. Das Strohhandwerk ist die grosse Passion von Brigitte Kilchmann. Ihre Techniken gibt sie auch an Dior weiter.

Wenn Dior aus Paris in St. Silvester anklopft

Früher für Sensler Familien eine Einnahmequelle – heute auf dem Laufsteg Paris. Das Strohhandwerk ist die grosse Passion von Brigitte Kilchmann. Ihre Techniken gibt sie auch an Dior weiter.

 
Publiziert: 16.02.2025, 17:51 Uhr
 
Der Schnee ist geschmolzen in St. Silvester, dafür scheint die Sonne in den Wintergarten, der an eine botanische Oase erinnert. Hier lebt Brigitte Kilchmann zusammen mit ihrem Mann. Als junges Paar zogen die beiden aus beruflichen Gründen vom luzernischen Kriens in den Sensebezirk. Und hier entdeckte sie Mitte der 1980er-Jahre ihre Leidenschaft für das Strohkunsthandwerk.

Brigitte Kilchmann arbeitete damals als Hauswirtschaftslehrerin. In einem Magazin stiess sie auf ein Porträt über eine Stohhandwerkerin aus Biel. Angetan von dem Handwerk, organisierte sie kurzerhand einen Weiterbildungskurs für Lehrpersonen mit der Bielerin. Von diesem Moment an liess die Faszination sie nicht mehr los. «Das Flechten und Knüpfen ist wie Meditation für mich», sagt Brigitte Kilchmann.

 
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Filigrane Kunstwerke aus Stroh, sorgfältig verpackt in kleinen Schachteln.
Quelle: Charles Ellena

Einnahmequelle für Familien

Für das filigrane Kunsthandwerk braucht es den Poppeli-Weizen. Unter idealen Bedingungen werden die Halme bis zu 1,80 Meter lang. Geschätzt werden diese nicht nur für ihre Länge, sondern auch für ihren Glanz. Früher pflanzte Brigitte Kilchmann hinter dem Haus ihren eigenen Poppeli-Weizen an. «Im März säten wir aus, und im Juli schnitten mein Mann und ich den Weizen mit der Sichel.» Zum Trocknen wurden die Halme anschliessend in der Garage aufgehängt.

Bei dieser Heimarbeit spalteten damals Kinder die Halme mit einem Tier-Knöchelchen.
Brigitte Kilchmann, Strohhandwerkerin

 

Für viele Sensler Familien war das Schnürlidrehen eine Einnahmequelle. «Bei dieser Heimarbeit spalteten nach der Schule Kinder in mühevoller Handarbeit die Halme mit einem Tier-Knöchelchen», erklärt die 80-jährige Handwerkerin. Oft wurde bis weit in die Nacht hinein gearbeitet. Um das Stroh für die Verarbeitung geschmeidig zu machen, zogen es die Buben mehrfach durch zwei Rollen, das sogenannte Mangen. «Die Mädchen und Frauen zwirbelten anschliessend jeweils zwei Halme an der Schnürlimaschine zu feinsten Schnürchen», so Brigitte Kilchmann. Flinke Hände schafften 100 Schnüre in der Stunde.

Brot oder Mehl als Lohn

Das Sense-Oberland und der Kanton Aargau waren damals die Hochburgen des Strohhandwerks in der Schweiz. Allerdings wurde im Aargau nur der glanzlose Roggen angebaut, der für das Handwerk eher ungeeignet ist. Daher brachten die Sensler Familien ihre Schnürchen in den Dorfladen, wo sie zusammen mit Strohbändern aus dem Greyerz eingesammelt und nach Wohlen im Kanton Aargau gebracht wurden. Dort wurden sie zu kunstvollen Kreationen verarbeitet. «Als Lohn gab es für 1000 Schnürchen ein Kilo Mehl oder ein Brot», weiss Brigitte Kilchmann zu berichten.

Als Erinnerung an diese Zeit und zur Bewahrung des alten Handwerks wurde im Jahr 1988 die Genossenschaft Strohatelier Rechthalten gegründet. Zu Beginn war auch Brigitte Kilchmann noch dabei, widmete sich dann aber ihren Eigenkreationen.

 
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Unzählige Stunden Arbeit – die Erntedank-Sonne.
Quelle: Charles Ellena

Die vielen verschiedenen Techniken brachte sich Brigitte Kilchmann grösstenteils selbst oder im Austausch mit anderen Handwerkerinnen bei. Unzählige Stunden investierte sie in ihre Arbeiten. «Am liebsten mache ich meine Erntedank-Sonnen», eine runde Eigenkreation mit vielen filigranen Details aus Stroh.

Das Strohhandwerk gibt es weltweit. Jede Region hat ihre Spezialitäten.

Bilder und Techniken per Fax

Brigitte Kilchmann reiste mit ihrem Mann gerne und oft durch die Welt. So schloss sie zahlreiche Kontakte zu Frauen, die mit ihr dieselbe Leidenschaft teilten. So auch zu einer Australierin. Die beiden Frauen lernten sich an einem Handwerksmarkt in Down Under kennen. Die Freundschaft blieb bestehen. Zusammen besuchten sie Jahre später Strohhandwerkkurse in Amerika. Trotz der grossen Distanz zwischen St. Silvester und Sydney blieben sie all die Jahre im Kontakt und tauschten ihre Ideen und Erfahrungen aus. «Wir schickten einander Fotos und Anleitungen per Fax», erinnert sich Brigitte Kilchmann lachend. Mit der Erfindung des Internets wurde alles einfacher.

 
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Mit dem Halmenspalter teilt Brigitte Kilchmann das Strohhalm.
Quelle: Charles Ellena

Das Atelier von Brigitte Kilchmann ist ordentlich aufgeräumt. Jede Maschine, jedes Gerät hat seinen Platz. Damit das Flechten und Knüpfen leichter fallen, hat ihr Mann Walter für sie zahlreiche Hilfsmittel entworfen.

Viele Werkzeuge werden heute nicht mehr hergestellt, bremsen liess sich Brigitte Kilchmann davon nicht. Ihre Halmenspalter fertigten ein Zahntechniker aus Liechtenstein und ein Uhrenmacher aus England an.

Als Lohn gab es für 1000 Schnürchen ein Kilo Mehl oder ein Brot.
Brigitte Kilchmann, Strohhandwerkerin

 

Stroh wird feucht verarbeitet. Ein Wasserbad lässt die Halme geschmeidig werden. Sass Brigitte Kilchmann früher noch nächtelang an ihren Arbeiten, verbringt sie heute weniger Zeit mit dem Strohhandwerk. Die Hände wollen nicht mehr ganz mitmachen.

Das Handwerk ist am Aussterben. In der Schweiz gibt es noch ein halbes Dutzend Frauen, die das feine Strohhandwerk so beherrschen wie Brigitte Kilchmann. «Ich gebe mein Handwerk gerne weiter.» In unzähligen Ordnern hält sie die verschiedenen Techniken und Arbeitsschritte fest.

Dior klopft an

Letzten Sommer teilte sie ihr Atelier mit einer Stickerin aus dem Haute-Couture-Haus Dior aus Paris. Diese war nach St. Silvester gereist, um sich in die Kunst des Strohflechtens einführen zu lassen. Auch heute noch erhält Brigitte Kilchmann Fotos auf ihr Handy geschickt, mit Bildern der Kreationen für Dior.